|
|
(BGH-URTEIL IV ZR 135/92)
"... DASS JEDE KREBSTHERAPIE EIN EXPERIMENT IST, DA DIE SCHULMEDIZIN KREBS
NICHT RICHTIG DEUTEN KANN"!
Artikel aus DER SPIEGEL Heft 41 04.10.2004
"Giftkur ohne Nutzen"
Immer ausgefeiltere und teurere Zellgifte werden schwer kranken Patienten
mit Darm-, Brust-, Lungen- oder Prostatatumoren verabreicht. Nun hat ein
Epidemiologe die Überlebensraten analysiert. Sein Befund: Allen
angeblichen Fortschritten zum Trotz leben die Kranken keinen Tag länger.
An Heiligabend wurde Erika Hagge* ins Prosper-Hospital Recklinghausen
eingeliefert. Die Ärzte schnitten einen bösartigen Tumor aus ihrem Darm und
entfernten die Milz. Anfang August entdeckten sie dann Metastasen.
Am Dienstag vergangener Woche erhielt die 64-jährige Hausfrau ihre erste
Chemotherapie. Gelöst in einer klaren Flüssigkeit strömten zwei Zellgifte
durch einen Infusionsschlauch in ihre Vene. „Das ist immer noch wie ein
Alptraum für mich. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Krebs habe", sagt
Frau Meyer. „Aber ich hoffe, dass es besser wird. Die sind ja immer weiter
mit der Chemotherapie."
Im Klinikum Großhadern der Universität München arbeitet einer, der diesen
Optimismus nicht teilen kann.
„Was das Überleben bei metastasierten Karzinomen in Darm, Brust, Lunge
und Prostata angeht, hat es in den vergangenen 25 Jahren keinen Fortschritt
gegeben", sagt der Epidemiologe Dieter Hölzel, 62. Er hat zusammen mit
Onkologen die Krankengeschichten Tausender Krebspatienten dokumentiert, die
in und rund um München seit 1978 nach dem jeweiligen Stand der Medizin
behandelt wurden. Die Menschen litten im fortgeschrittenen Stadium an einem
der vier Organkrebse. Mit jährlich etwa 100000 Todesopfern allein in
Deutschland sind diese Tumorarten die großen Killer.
Gerade für Menschen mit Metastasen gilt die Chemotherapie als Behandlung der
letzten Wahl, wenn sich die verstreuten Tochtergeschwulste mit Strahlen und
Skalpellen nicht mehr erreichen lassen. Seit Jahrzehnten werden immer neue
Zellgifte eingesetzt. Oftmals verlangen die Arzneimittelhersteller dafür
astronomisch hohe Preise. Im Austausch versprechen sie ein längeres Leben.
„Chance für Lebenszeit!" heißt es etwa auf einem drei Meter großen
Werbeplakat für das Krebsmittel „Taxotere". Der Hersteller eines
Konkurrenzpräparats wirbt unter dem Motto: „Taxol - dem Leben eine Zukunft
geben".
Und auch Erika Meyers Arzt in Recklinghausen gibt sich zuversichtlich: Die
Chemotherapie habe sich in den vergangenen 20 Jahren deutlich verbessert,
sagt der niedergelassene Onkologe Friedrich Overkamp, 47. Es ließen sich
„beträchtliche Lebensverlängerungen" erreichen.
Die neuen Zahlen des Krebsregisters der Universität München indes bestätigen
das nicht.
Die Überlebensraten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten demnach
mitnichten verbessert (siehe Grafik):
Auszug aus der Grafik:
Überlebensrate von Patienten mit metastasiertem
Organkrebs in den vergangenen 26 Jahren:
Prostatakarzinom:
1 Jahr: > 80%
2 Jahre: >50%
3 Jahre: >30%
4 Jahre: >20%
8 Jahre: >5%
Quelle: Prof. Dieter Hölzel, Klinikum Großhadern, München
Heutige Patienten versterben genauso schnell an Krebs wie ihre
Leidensgenossen vor 25 Jahren.
Während die Kurve für Darmkrebs eine geringfügige Besserung zeigt, ist die
Überlebensrate für Brustkrebs im Laufe der Jahre sogar gesunken.
Wahrscheinlich, meint Hölzel, handele es sich nur um zufällige Schwankungen
ohne Aussagekraft; aber selbst noch Schlimmeres hält er nicht für
ausgeschlossen:
„Ich befürchte, dass die systematische Ausweitung der Chemotherapie
gerade bei Brustkrebs für den Rückgang der Überlebensraten verantwortlich
sein könnte."
Die Aussage des Epidemiologen gilt ausdrücklich nicht für die medikamentöse
Therapie von Lymphkrebsarten, Morbus Hodgkin, Leukämien, Sarkomen und
Hodenkrebs. Diese Krankheiten können inzwischen in vielen Fällen auf
geradezu spektakuläre Weise geheilt werden.
Ebenso wenig gilt Hölzels Verdikt für jene Chemotherapien, die vor einem
chirurgischen Eingriff die Geschwulst verkleinern oder nach der Operation
die verbliebenen Krebszellen zerstören sollen.
Düster hingegen lese sich die Bilanz bei soliden Tumoren im
fortgeschrittenen Stadium, sagen erfahrene Kliniker.
Gerhard Schaller, 52, Gynäkologe von der Universität Bochum, konstatiert:
„Für das Überleben von Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs hat die
Chemotherapie bisher praktisch nichts gebracht - viel Lärm um nichts."
Auch Wolfram Jäger, 49, Leiter der Gynäkologie der Städtischen Kliniken der
Landeshauptstadt Düsseldorf, hat ähnliche Erfahrungen gemacht:
„Es gab und gibt keine Erfolge. Da werden riesige Mengen von Frauen
behandelt, ohne dass ein Nutzen tatsächlich bewiesen wäre. Wenn Sie das
den Patientinnen sagen, die verzweifeln ja total."
Millionen von Krebskranken unterzogen sich in den vergangenen 50 Jahren
einer Chemotherapie. Der erste Patient mit einem Lymphosarkom in
fortgeschrittenem Stadium wurde 1942 von US-Ärzten mit Senfgas behandelt.
Die Tumormasse schrumpfte auf geradezu wunderliche Weise. Zwar verpuffte
der Effekt nach drei Monaten, und der Patient starb - dennoch war die
Ära der Chemotherapie gegen Tumorleiden eingeläutet.
Die Zellgifte (Zytostatika) greifen auf unterschiedlichste Weise in die
Vermehrung von Zellen ein. Weil Tumorzellen sich häufiger teilen als die
meisten anderen Körperzellen, sind Geschwulste und Metastasen für
Zytostatika besonders anfällig: Sie können schrumpfen, und mitunter
verschwinden sie sogar ganz.
Allerdings können auch gesunde Zellen, die sich rasch teilen, geschädigt
werden: die Zellen der Haarwurzeln etwa, aber auch die Blut bildenden Zellen
des Knochenmarks. Weil sie bei Leukämien oder Lymphomen so spektakuläre
Erfolge erzielte, wurde die Giftkur bald auch den vielen Patienten mit
Organtumoren verordnet
Doch leben diese dank Chemotherapie überhaupt länger? Die entscheidende
Vergleichsstudie wurde nie durchgeführt. Wahrscheinlich wird sich die
Frage gar nicht mehr beantworten lassen. In klinischen Studien vergleichen
die Hersteller stets nur neue mit alten Zellgiften; Kontrollgruppen, die gar
nicht behandelt werden, gibt es nicht.
Um auf dem Markt zugelassen zu werden, reicht es, an einer kleinen Schar
handverlesener Testpersonen irgendeinen Vorteil gegenüber einem bereits
zugelassenen Zellgift „statistisch signifikant" erscheinen zu lassen.
Die Mittel, um die es dabei geht, sind alles andere als harmlos. Manche
der frühen Chemotherapeutika rafften binnen wenigen Wochen etliche Patienten
dahin und waren auf dem Markt nicht zu halten.
Aber auch die anderen Giftgaben bedeuteten vielfach, lebendig durch die
Hölle zu gehen.
Die Menschen verloren die Haare und den Appetit, mussten sich übergeben,
waren abgeschlagen und wurden von Entzündungen geplagt.
Zudem keimte bei einigen Medizinern langsam der Verdacht, dass die so
gepriesenen Zytostatika womöglich gar nicht mehr konnten, als Metastasen
vorübergehend schrumpfen zu lassen.
Im September 1985 erklärte der inzwischen verstorbene Klaus Thomsen, damals
seit zwei Jahrzehnten Direktor der Gynäkologie der Universitätsidinik
Hamburg-Eppendorf, auf einem internationalen Kongress in Berlin:
„Es sollte uns nachdenklich stimmen, wenn eine zunehmende Zahl von
Ärztinnen und Ärzten sagt: An mir würde ich eine solche Therapie nicht
vornehmen lassen."
Zehn Jahre später war es dann der Epidemiologe Ulrich Abel von der
Universität Heidelberg, der den Nutzen der Chemotherapie in Zweifel zog. Ein
Jahr lang hatte der Wissenschaftler mehrere tausend Publikationen zur
Chemotherapie gesichtet .
Erschüttert stellte er fest, dass „bei den meisten Organkrebsen keinerlei
Belege dafür existieren, dass die Chemotherapie -speziell auch die immer
mehr um sich greifende Hochdosistherapie - die Lebenserwartung verlängert
oder die Lebensqualität verbessert".
Namhafte Onkoligen stimmten dem Verdikt zu – die Ausbreitung der
Chemotherapie konnte das nicht stoppen.
Wohl nicht zuletzt, weil die Ärzte ihren Patienten nicht eingestehen wollen,
dass sie dem Krebs gänzlich wehrlos gegenüberstehen, ist die Giftkur zu
einem Dogma der Medizin geworden.
Das stellt alle Beteiligten zufrieden: „Der Arzt ist froh, dass er etwas
anbieten kann, die Patienten sind froh, dass sie etwas nehmen können, und
die Industrie freut sich", konstatiert der Düsseldorfer Frauenarzt
Jäger. Erfordert mehr Geld für Früherkennung, statt Millionensummen für die
teuren Chemotherapien zu verpulvern. Deren Fortschritte liegen eher in
der Minderung der Leiden, die sie selbst bewirken.
Früher schwächten die Zellgifte die Patienten dermaßen, dass sie im
Krankenhausbett überwacht werden mussten. Nun liegen Mittel gegen
Haarausfall, Brechreiz, Appetitlosigkeit, Durchfall und Verstopfung bereit;
viele Chemotherapien können inzwischen sogar ambulant durchgeführt werden,
und die Menschen müssen kaum mehr spucken. „Deshalb", erklärt der
Recklinghäuser Onkologe Overkamp, „konnte ich in meiner Praxis auch Teppich
verlegen."
Jedes Quartal verschreibt Overkamp seinen 1100 Krebspatienten Medikamente im
Wert von etwa 1,5 Millionen Euro. Bundesweit summierte sich der Umsatz der
Zytostatika zwischen August 2003 und Juli 2004 auf 1,8 Milliarden Euro
-ein Plus von 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Antikörper, die Krebszellen gezielt erkennen können, sind die
neuesten Preistreiber. Und wieder sehen die Hersteller einen Durchbruch -
doch eindeutige Belege, ob das Leben unheilbar kranker Krebspatienten
verlängert werden kann, fehlen auch hier. Die Konkurrenz durch die neuen
Antikörper führt unterdessen dazu, dass altbekannte Zellgifte umso
aggressiver in den Markt gedrängt werden.
Seit Jahrzehnten bringen Arzneimittelhersteller immer neue Zytostatika auf
den Markt; in den siebziger Jahren waren 5, in den Neunzigern dagegen
bereits rund 25 Mittel zugelassen. „Wenn da jedes Mal ein kleiner
Fortschritt gemacht wurde", wundert sich der Münchner Epidemiologe Hölzel,
„dann hätte das in den vergangenen Jahrzehnten zu bemerkenswerten
Verbesserungen führen sollen. Die aber können wir in unserem Krebsregister
nicht ablesen."
Auch in den vielen tausend Forschungsmitteilungen der Industrie fällt es
schwer,Hinweise auf einen Überlebensvorteil zu finden. Für das metastasierte
Mammakarzinom etwa deuten nur zehn Studien an, ein bestimmter
Zytostatika-Cocktail verlängere das Leben im Vergleich zu einer anderen
Mixtur. Weil aber Tausende Vergleichsstudien durchgeführt wurden, so der
Heidelberger Epidemiologe Abel, seien „statistisch auffällige
Unterschiede in einer erheblichen Zahl von Studien einfach auf Grund des
Zufalls zu erwarten".
Die Befürworter der Chemotherapie verweisen vor allem auf zwei Arbeiten, die
den Nutzen ihres Tuns zu belegen scheinen. So haben französische Forscher
die Verläufe von insgesamt 724 Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs
verglichen. Demnach hat sich die Uberlebensrate drei Jahre nach Diagnose von
27 Prozent (Behandlung zwischen 1987 und 1993) auf 43 Prozent (1994 bis
2000) erhöht.
Epidemiologe Hölzel jedoch führt das auf einen Trugschluss zurück.
Die metastasierten Brustkrebse im Zeitraum 1994 bis 2000 wurden
offensichtlich frühzeitiger erkannt als die alten Fälle. Weil die
Krankheit bei Erstdiagnose noch nicht so weit fortgeschritten ist und die
Lebenserwartung deshalb noch höher liegt, zählen die Forscher folglich mehr
Lebenstage bis zum Tod. Das schlägt sich in einer verbesserten
Überlebensrate nieder - ohne jedes Zutun einer Therapie.
Gern zitiert wird auch ein Befund, den Forscher der University of Texas in
Houston im August 2003 vorgelegt haben. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate von
Frauen mit metastasiertem Brustkrebs hat sich demnach in den Jahren 1974 bis
2000 kontinuierlich verbessert: von 10 Prozent auf 44 Prozent. Ihren Artikel
garnieren sie mit einer Übersicht über all jene Zytostatika, die den
sagenhaften Fortschritt angeblich möglich machten.
Bloß: In der Studie werden Frauen mit und solche ohne Metastasen
miteinander verglichen. „Die Gruppen aus jüngerer Zeit waren verzerrt durch
Patientinnen mit günstigeren Prognoseprofilen", räumen die Autoren des
Jubelartikels in einem versteckten Satz ein.
„Es gibt überhaupt keine systematische Dokumentation, das ist der große
Mangel der Krebsmedizin", klagt Hölzel angesichts solcher
Trickforschung.
Mit seiner Forderung nach sauberen wissenschaftlichen Belegen dürfte
Kritiker Hölzel die Branche indes kaum aufrütteln. Denn die kommt
schließlich auch ohne den Nachweis eines Nutzens für sterbenskranke
Krebspatienten ganz gut zurecht.
JÖRG BLECH
* Name geändert
http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/0,1518,321160,00.html
(Vollversion für 1€ aus Bezahl-Archiv)
Menschen die
sich für die Anwendung von Aprikosenkernen als Nahrungsergänzung
interessieren finden hier weitere Informationen.
Wichtige Info: Bei dieser Seite handelt es ich
nicht um eine Gesundheitsberatung sondern um die Wiedergabe eigener
Erfahrungen oder die von Anderen. Wenn Sie gesundheitliche Probleme haben, sollten Sie auf
alle Fälle einen Arzt oder Therapeuten Ihres Vertrauens konsultieren.
|